Arbeiten, was wir wirklich wollen

September 2020 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Arbeiten, was wir wirklich wollen

New Work ist ein Versprechen, das große Hoffnungen weckt – für Personaler wie für Mitarbeiter. Die Potenziale sind enorm, Unternehmen sollten sie nicht verspielen, meinen Experten.

Illustrationen: Daria Domnikova
Lena Bulczak / Redaktion

Corona hat es möglich gemacht: Homeoffice ist das neue Normal, so zumindest titelte kürzlich eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und der Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V. (DGFP). „Geht doch“, hieß es plötzlich selbst in vielen der zuvor skeptischsten Chefetagen. Buchstäblich über Nacht zeigte sich, dass in der digitalisierten Arbeitswelt Präsenzarbeitszeit und Dienstreisen nicht mehr zwingend nötig sind. Und das betrifft keineswegs alleine Start-ups oder Digitalagenturen. Selbst produzierende Unternehmen wurden kreativ und durchbrachen vielerorts tradierte Muster der Arbeitsorganisation.


Eine vorsichtige Zwischenbilanz: In der Krise sind einige Veränderungen in der Arbeitswelt angekommen, die auf Dauer bleiben könnten. Doch es werden auch schon wieder Rufe laut, alles wieder zurückzudrehen. Experten wie Kai Anderson, Vorstand der auf People-Management und Digitalisierung spezialisierten Human Resource Beratung Mercer/Promerit, warnen: Die Unternehmen dürften die Chancen von New Work nicht verspielen. „Die Potenziale sind riesig – nur mal kurz überlegt: Verringerung von Geschäftsreisen um 30 Prozent, Verkürzung von Meetings um 20 Prozent, Reduktion von Büroflächen um 20 Prozent – vorsichtig überschlagen kommen da selbst für mittelgroße Betriebe Millionensummen an Effizienzsteigerung zusammen“, rechnet Anderson vor.

 

Mehr Effizienz, mehr Freizeit

Es könnte ein Win-Win werden. Denn viele Unternehmen müssen jetzt den Rotstift ansetzen. Und an dieser Stelle hätten viele Beschäftigte sogar etwas davon. Effizienteres Arbeiten, mehr Freizeit, mehr Energie, weniger Kosten – so lautet zumindest das Fazit der meisten Arbeitnehmer zu der Umstellung ins Homeoffice durch die Corona-Krise gemäß einer Umfrage der IUBH Internationale Hochschule. Über 70 Prozent der Beschäftigten arbeiten gerne zu Hause und jeder Zweite fühlt sich daheim energiegeladener und ausgeglichener. 60 Prozent allerdings vermissen den Austausch mit Kollegen. Zwei von drei Führungskräften wollen ihren Mitarbeitern demnach in Zukunft die Heimarbeit ermöglichen, 60 Prozent jedoch sehen die Kommunikation zu Kunden und Mitarbeitern erschwert.


Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem viel zitierten Zauberwort New Work? Begründet hat den Begriff der österreichisch-US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann. Er entwickelte seine Theorie zur Zukunft der Arbeit bereits vor rund 40 Jahren. Durch das fordistische Wirtschaftsmodell sah er damals das Ende der klassischen Lohnarbeit gekommen. In diesen Umwälzungen sah er die Chance zu einem Umbau der Beschäftigungswelt, in der Arbeit kein Zwang mehr ist, sondern die Menschen das tun, was sie „wirklich, wirklich wollen“: Selbstbestimmung, sinnstiftende, an den eigenen Werten orientierte Arbeit. Eine Aussicht, die bei vielen Personalern Hoffnungen weckt, gerade die jungen, hoch qualifizierten Talente zu locken.

 

Aus schwammig wird konkret

Doch auch 40 Jahre nach Bergmanns ersten Entwürfen ist der Begriff noch sehr schwammig. In dem Sammelbegriff stecken eine Reihe flexibler Arbeitsmodelle – vom Homeoffice über Jobsharing und agile Projektarbeit bis hin zu Holokratie. Darunter fällt die Digitalagentur, in der alle Angestellten statt acht nur noch fünf Stunden pro Tag arbeiten und das gleiche Arbeitspensum wuppen wie zuvor in acht. Dafür bekommen sie auch das gleiche Gehalt und haben, wenn sie wollen, jeden Tag ab 13 Uhr Zeit für Hobbys, Freund und Familie oder andere Herzensprojekte.


New Work lebt auch der Versicherer vor, in der kein Mitarbeiter mehr über einen eigenen Schreibtisch verfügt. Wer morgens beschließt ins Büro zu kommen, muss sich seinen Arbeitsplatz für den Tag selbst suchen – egal ob er Deutschlandchef, Abteilungsleiter oder Praktikant ist.


Tatsächlich kommt aus der Sicht der Fraunhofer IAO-Forscherin Dr. Josephine Hofmann kaum ein Unternehmen um Veränderungen herum. Klassische Organisationsformen funktionieren heute einfach nicht mehr – ganz unabhängig von Corona. Immer mehr Menschen wollen heute ihre eigenen Ideen einbringen, wünschen sich flexible Arbeitszeiten und ein besseres Work-Life-Blending.

 

Risiko Homesourcing

Wie viel Demokratie tatsächlich in die Büroetagen einzieht, bleibt abzuwarten. Selbst wenn sich die Vision von freundlichen, selbstbestimmten Arbeitsinseln inmitten eines härter werdenden globalen Wettbewerbs als machbar entpuppt. Ob neuere Organisationsmodelle, flachere Hierarchien oder Vertrauensarbeitszeit – am Ende sitzt meist doch die Firmenleitung am längeren Hebel. Und, auch aus dem viel geliebten Homeoffice kann durchaus ein Homesourcing werden: Machen Firmenlenker erst die Erfahrung, dass es egal ist, wo ihre Angestellten sitzen, liegt der Gedanke nicht weit, sie durch junge, gut ausgebildete Menschen in Ländern mit niedrigerem Lohnniveau zu ersetzen.