»Proaktiv, verantwortlich, unternehmerisch«

Dezember 2020 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

»Proaktiv, verantwortlich, unternehmerisch«

Innovationskraft ist keine Frage der Branche, sondern der richtigen Einstellung, findet Prof. Dr. Nikolaus Franke, Direktor des Instituts für Entrepreneurship and Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien.

Illustrationen: Jasmin Mietaschk
Interview: Mirko Heinemann / Redaktion

Als wissenschaftlicher Leiter des Benchmark-Projekts TOP 100 – die innovativsten Unternehmen des deutschen Mittelstands arbeitet er eng mit mittelständischen Innovatoren zusammen und kennt die alltäglichen Herausforderungen in der unternehmerischen Praxis. Für ihn ist Innovativität das stärkste evolutionäre Element und derzeit der wichtigste Erfolgsfaktor – und die Dynamik von Start-ups ein entscheidender Faktor für die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft.

 

Herr Professor Franke, dem Mittelstand werden gemeinhin Eigenschaften wie Krisenfestigkeit und Innovationsfähigkeit zugeschrieben. Kann man das überhaupt so pauschal sagen?

Pauschal leider nicht. Der Mittelstand ist viel heterogener als es die Großunternehmen sind. Er reicht von extrem agilen und hochinnovativen Weltmarktführern bis zu Unternehmen, die das Internet noch immer für eine Art Modeerscheinung halten. Es ist klar, dass es entsprechend auch um die Krisenfestigkeit unterschiedlich bestellt ist.

 

Auf welche Branchen treffen die Zuschreibungen denn am ehesten zu?

Innovativität ist grundsätzlich keine Frage der Branche, sondern eine Frage der unternehmerischen Zielrichtung und Strategie. Im Rahmen von TOP 100 zum Beispiel sehen wir, dass Unternehmen aus sehr unterschiedlichen Branchen und Regionen innovativ sein können. Auch in traditionelleren Bereichen kann man sich mit Innovation sehr wirksam vom Wettbewerb abheben. Nehmen wir als Beispiel Hagedorn, ein Abbruchunternehmen – nicht unbedingt eine Branche, die man sofort mit Innovation assoziiert. Doch das täuscht. Neben vielen anderen Dingen haben sie eine Geschäftsmodellinnovation gestartet, eine digitale Plattform, die die Branche revolutioniert. Und auch im Bereich Marketing haben sie neue Wege beschritten, indem sie für Schüttflix, so heißt die Plattform, Sophia Thomalla gewonnen haben – als Covergirl und Gesellschafterin. Ergebnis: Eine Verdoppelung des Umsatzes und die Auszeichnung zum Innovator des Jahres bei TOP 100 im Jahr 2019.

 

Was hat Krisenfestigkeit mit Innovationsfähigkeit zu tun?

Innovativ sein bedeutet agil zu sein, also schnell, flexibel und kreativ reagieren zu können. Das ist heute wichtiger als je zuvor. Eine Unternehmenskrise bedeutet letztlich so gut wie immer, dass das Leistungsangebot des Unternehmens nicht mit der Marktnachfrage zusammenpasst. Wenn sich die Marktbedingungen ändern – so wie jetzt in der Corona-Pandemie – kann man klagen und sich dem Schicksal ergeben. Innovationsfähige Unternehmen suchen stattdessen proaktiv nach neuen Möglichkeiten.

 

Krisenfestigkeit ist derzeit eine gefragte Tugend. In welchem Ausmaß leidet der Mittelstand, leiden Gründer, unter der Corona-Krise?

Die Corona-Krise verändert sehr viel. Die Auswirkungen sind natürlich nicht für alle Branchen gleich. Wer Masken oder Tests anbietet, kann sich vor Nachfrage kaum retten. Auch IT-Kommunikationstools, Streaming-Dienste und Online-Shopping boomen. Für manche ist die Krise also in Wahrheit eine Chance. Unser Innovator des Jahres 2020, die Va-Q-tec, produziert Lösungen für den Transport von temperatursensiblen Gütern. Natürlich profitieren sie davon, dass nun und in Zukunft Tests und Impfstoffe gekühlt transportiert werden müssen. Anderen Unternehmen dagegen bricht die Nachfrage weg, wie etwa im Bereich Reise und Tourismus. Dort muss man sich etwas einfallen lassen, sonst wird man die Krise nicht überstehen.

 

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf das Gründungsgeschehen im Bereich der innovativen Start-ups?

Start-ups sind die agilste und flexibelste Organisationsform, die es gibt. Wenn man große Unternehmen als Tanker und KMU als Schnellboote interpretiert, dann entsprechen Start-ups wohl Jet-Ski. Sie passen sich entsprechend am schnellsten an die neuen Möglichkeiten und Bedingungen der Corona-Krise an. Es gibt entsprechend viele Gründungsaktivitäten gerade in den Bereichen Biotech und IT.

 

Wie sieht es in Sachen Anschub- und Wachstumsfinanzierung derzeit aus?

Belastbare Daten dazu kenne ich noch nicht. Es scheint mir aber so, dass es weiterhin ein hohes und möglicherweise steigendes Finanzierungsvolumen in den „Gewinnerbranchen“ gibt. Das ist insofern auch logisch, als Venturer und Business Angels ähnlich wie die Start-ups den globalen Trends sehr schnell folgen. Man sollte vorsichtig mit Einschätzungen sein, aber möglicherweise geht auch der Trend in Richtung Impact Investing weiter. Durch die Corona-Pandemie ist uns möglicherweise die Bedeutung der sogenannten „Grand Challenges“ deutlicher geworden. Die Menschheit ist verwundbar, und Innovation kann hier helfen. Und Investitionen in diesem Bereich können sich auch unternehmerisch lohnen.

 

Welche Weichen kann und sollte das Management in Unternehmen jetzt stellen, um möglichst gut aus der Corona-Krise herauszukommen?

Kurzfristig sollte man die Mitarbeiter mitnehmen und innovativ nach neuen Möglichkeiten suchen. Produkte, Technologien, Märkte, Prozesse und Geschäftsmodelle kann man ändern. Wann, wenn nicht jetzt? Die Krise ist auch immer eine Möglichkeit, Rost und Ballast loszuwerden. Und langfristig sollte nun auch der Letzte verstanden haben, dass im 21. Jahrhundert die Innovationskraft das ist, was im 20. Jahrhundert Größe und Skaleneffekte waren, nämlich der wichtigste Erfolgsfaktor.

 

Wie kann man die Innovationskraft eigentlich messen?

Im Rahmen des TOP-100-Wettbewerbs messen wir sie ganzheitlich, indem wir die vier wesentlichen Potenzialbereiche analysieren. Wie stark fördert erstens das Top-Management das Innovationsgeschehen? Wie sehr sind zweitens Organisation, Prozesse und Struktur auf Innovation ausgerichtet? Gibt es drittens eine positive Innovationskultur? Und viertens: Ist das Unternehmen außenorientiert, lebt es den Open-Innovation-Ansatz? Betrachtet man diese Bereiche im Zusammenspiel, dann kann man sehr gut einschätzen, wer das Zeug hat, sich selbst und das eigene Angebot immer wieder neu zu erfinden.

 

Immer wieder heißt es, Voraussetzung für Innovation sei eine „offene Unternehmenskultur”. Sehen Sie das auch so?

Absolut. Innovation ist nur begrenzt planbar, und dies gilt umso mehr, je radikaler und disruptiver die Innovation ist. Wer Innovation will, der muss Offenheit, Austausch, Experimente und Kreativität ermöglichen. Man muss akzeptieren, dass Fehler passieren können und manche hervorragend klingende Ideen doch nicht funktionieren. Innovative Unternehmen sind nicht unbedingt maximal effizient. Aber in maximal effizienten Unternehmen ist kein Platz für Innovation.                             

 

Was sind für Sie die Grundvoraussetzungen für eine innovative Unternehmenskultur? Geht es um Unternehmensführung, den Standort oder Diversity?

All das können Elemente sein. Am Ende geht es darum, dass sich die Mitarbeiter als „Intrapreneure“ fühlen und auch so handeln: Proaktiv, verantwortlich und unternehmerisch. Der Grund für den evolutionären Erfolg des Menschen ist eine einzige Eigenschaft: unsere Fähigkeit zur kreativen Problemlösung. Andere Lebewesen sind stärker, schneller oder überleben atomare Strahlung. Wir sind dagegen innovativ. Und deshalb liegt es in der Natur des Menschen, dass wir glücklich sind, wenn wir schöpferisch sein können, wenn wir Ideen austauschen und verwirklichen können. Unternehmen müssen also Bedingungen schaffen, die diesen natürlichen Drang unterstützen und fördern können.

 

Der europäische und vor allem der deutsche Mittelstand ist international ausgerichtet. Wie stark steht er derzeit aufgrund der protektionistischen Wirtschaftspolitik unter Druck?

Das ist ein großes Problem. Jahrzehntelang haben wir Handelshemmnisse abgebaut und die Globalisierung gefördert. Wir verdanken dieser Entwicklung ganz maßgeblich unseren Wohlstand – und mit „wir“ meine ich nicht nur den Mittelstand, sondern die gesamte Gesellschaft, inklusive mancher intellektueller Bedenkenträger. Und selbstverständlich gilt das nicht nur für den reichen Westen, sondern auch für die sogenannte Dritte Welt. Man betrachte einfach nur das Realexperiment Nordkorea vs. Südkorea, da sieht man, was Abschottung bewirkt: Armut und Elend. Es gibt aber dieses Sprichwort: Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis. Populisten nutzen das leider aus.

 

Sie haben am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology geforscht und kennen die USA. Wird sich die amerikanische Wirtschaftspolitik unter dem neuen US-Präsidenten ändern?

Ich hoffe es. Biden wirkt auf mich vernunftgesteuert. Bei Trump hat man den Eindruck, dass er Wirtschaft als Nullsummenspiel betrachtet. Der Gewinn des einen geht notwendigerweise zu Lasten des anderen. Tatsächlich gilt das nur für sehr wenige Bereiche und meist auch nur sehr kurzfristig. Langfristig schaffen Austausch und Kooperation Vorteile für beide.

 

Wie sehen Sie Perspektiven für innovative Unternehmen aus Deutschland und Europa in den nächsten Jahren?

Ich glaube, wir sind in sehr vielen Bereichen gut aufgestellt. Deutschland steht weltweit für Qualität und der Ausdruck „German Mittelstand“ wird international verwendet, so wie „Gesundheit!“ und „Rucksack“. Und die Beispiele, die ich jedes Jahr bei TOP 100 sehe, zeigen deutlich, dass wir auch Innovationsweltmeister sein könnten – in allen Branchen. Das liegt an den guten Voraussetzungen für Innovation, die wir in Deutschland und den meisten europäischen Ländern haben: Wir verfügen über einen hervorragenden Wissenschafts- und Ausbildungsstand, genug Kapital und ein hohes Maß an sozialem und auch militärischem Frieden. Was uns noch fehlt, ist die amerikanische Can-do-Mentalität. Start-ups, Risikobewusstsein, Lust auf Neues, all das müssen wir fördern, im Grunde vom Kindergarten an.

 

Aus Deutschland ist vor allem Ingenieurkunst stark nachgefragt , technische Innovation und hohe Fertigungsqualität. Wird das weiterhin die tragende Säule sein?

Ganz sicher wird das auch in Zukunft wichtig sein und es ist wichtig, dass es in Aus- und Weiterbildung gefördert wird. Dazu kommt aber auch die Fähigkeit zur Umsetzung. Eine Innovation ist mehr als Technologie – sie ist eine Erfindung, die sich am Markt durchsetzt. Dazu gehört das Finden eines Marktes und eines Geschäftsmodells sowie die Entwicklung von Strategie, Organisation und Vermarktung. Das enge Zusammenwirken von technologischer und Managementkompetenz ist entscheidend. Am MIT ist das die zentrale Idee. In Deutschland besteht diesbezüglich Nachholbedarf.

 

Sie beobachten das Gründungsgeschehen aus der Nähe: Können Sie abschätzen, in welchen Bereichen sich die Bildung eines neuen Mittelstands abzeichnet?

Ich denke, prädestiniert sind die Bereiche, wo die klassischen deutschen Ingenieurstugenden mit neuen Technologien, allen voran IT, kombiniert werden können. Es tut sich auch viel im Bereich „Green Economy“, also gezielte Beiträge zu Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz. Da hilft uns, dass das Bewusstsein für diese Themen hier tiefer und länger verankert ist als anderswo.