Liquide bleiben

Dezember 2018 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Liquide bleiben

Es muss nicht immer der klassische Bankkredit sein – inzwischen stehen KMU viele interessante Finanzierungsalternativen zur Verfügung, wie etwa Factoring oder Crowdinvesting.

Illustration: Heike Steenwarder
Juliane Moghimi / Redaktion

Es ist ein Paradoxon: Der deutsche Mittelstand verlässt sich für die Unternehmensfinanzierung nach wie vor überwiegend auf seine Hausbank – und weiß doch genau um ihre Schwächen. Eine Befragung durch das Finanzierungsportal Compeon ergab im Januar 2018, dass drei von vier kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) nur eine oder maximal zwei geschäftliche Bankverbindungen pflegen.

Dabei sind die Bedingungen bei der eigenen Hausbank keineswegs immer die besten. Die durchschnittlichen Zinsen für Unternehmenskredite mit fünf Jahren Laufzeit und fester Zinsbindung liegen laut dem Barkow Consulting Corporate Credit Index, der die Entwicklung der Kreditkosten für deutsche Unternehmen abbildet, aktuell bei 1,67 Prozent. Dieser Wert ist der niedrigste seit über einem Jahr, spiegelt sich jedoch nicht zwangsläufig in den Kreditbedingungen der Hausbanken wider: So zahlten 14 Prozent der im Januar von Compeon befragten Unternehmen über zehn Prozent Zinsen für ihren Kredit.

Das Bankenbarometer, das Die KMU-Berater – der Bundesverband freier Berater e. V. jedes Jahr erstellen, zeigt ein ähnliches Bild. Die meisten der hierfür befragten KMU gaben an, dass ihre Bank in den letzten 12 Monaten die Gebühren erhöht hätte. Spitzenreiter sind dabei Gebühren rund um das Geschäftsgirokonto mit 74,5 Prozent. Aber auch für nicht gleichermaßen im Fokus stehende Dienstleistungen melden die Unternehmen steigende Gebühren, zum Beispiel für die Bearbeitung von Sicherheiten (29,8 Prozent) oder für die Beratung bzw. Strukturierung von Finanzierungen (23,4 Prozent). Bei den Beratungsleistungen hingegen machen die Hausbanken Abstriche: So antworteten drei von vier Unternehmen auf die Frage, ob ihre Bank ihnen öffentlich geförderte Kreditmöglichkeiten aktiv anbiete, mit „trifft überwiegend nicht zu“ oder „trifft überhaupt nicht zu“. Ähnlich hoch waren die Werte, als es darum ging, ob die Bank die im Zuge von Kreditverhandlungen erteilte Ratingnote erklärt und entsprechende Optimierungshinweise gibt.

Insgesamt halten nur 8,5 Prozent der im Rahmen des Bankenbarometers befragten KMU das Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Bank für vollkommen angemessen, 48,9 Prozent für überwiegend angemessen. Das unterstreicht auch eine repräsentative Studie des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand, die 2017 ergab, dass 57 Prozent der KMU die Bindung zu ihrer Hausbank lockern möchten, weil sie sich mehr Unabhängigkeit wünschen.

Tatsächlich ist das Factoring eine interessante Alternative zum klassischen Unternehmenskredit – zumal immerhin 21 Prozent der vom Bundesverband Factoring für den Mittelstand befragten KMU angaben, dass sie in der Vergangenheit bereits „erhebliche Probleme durch Forderungsausfälle erlebt“ hätten. Allerdings haben derselben Erhebung zufolge 75 Prozent der Unternehmen viel zu wenig Wissen darüber, wie man das Factoring als Finanzierungsinstrument richtig einsetzt. Die Compeon-Studie von 2018 ergab, dass gerade einmal sechs Prozent der KMU das Factoring nutzen – während zwei Drittel der Befragten weiter an Kontokorrentkrediten und Bankdarlehen festhalten.

Das Prinzip des Factoring ist nicht kompliziert: Es handelt sich um einen Weiterverkauf von Forderungen, zum Beispiel von offenen Rechnungen an Händler. Üblich ist ein Weiterverkauf für 80 bis 90 Prozent der offenen Summe, die der Käufer (Factor) sofort zahlt. Dadurch verbessern sich die Liquidität und die Eigenkapitalquote des Unternehmens. Die Differenz zwischen dem Forderungsbetrag und dem Verkaufspreis geht als Gebühr an den Factor, unter anderem dafür, dass er das Forderungsausfallrisiko komplett übernimmt.

Unterschieden wird beim Factoring zwischen dem offenen und dem stillen Verfahren. Bei offenen Verfahren wird der Schuldner über den Forderungsverkauf informiert und aufgefordert, direkt an den Factor zu zahlen. Beim stillen Verfahren legt man die Forderungsabtretung gegenüber dem Debitor nicht offen. Factoring kann auch grenzüberschreitend angewendet werden, beispielsweise in Form des Export-Factoring.

Auch jenseits des Forderungsverkaufes gibt es interessante Alternativen zum klassischen Bankkredit. So zahlen Bund, Länder und auch die EU Förderdarlehen – vor allem für Unternehmen, die in umweltfreundliche Technologien investieren. Speziell für bereits etablierte Unternehmen gibt es den Unternehmerkredit der KfW. Er zeichnet sich durch sehr gute Konditionen aus: aktuell Zinsen ab 1,00 Prozent, zudem langfristige Zinsfestschreibungen und lange Laufzeiten. Zudem sind auch tilgungsfreie Jahre möglich.

Ebenfalls im Kommen ist das Crowdinvesting, bei dem viele Anleger kleinere Summen investieren und sie dafür eine Beteiligung an den Unternehmensgewinnen erhalten. Die Methode eignet sich als Investitionsform vor allem zur Finanzierung von Start-ups, kann aber auch von bereits etablierten Unternehmen angewendet werden.

Interessant ist, dass der deutsche Mittelstand zunehmend auch die Scheu vor der Private-Equity-Finanzierung zu verlieren scheint. Noch vor wenigen Jahren waren die PE-Häuser als „Heuschrecken“ verschrien, aber das Bild hat sich inzwischen deutlich gewandelt. PricewaterhouseCoopers zum Beispiel hat 300 familiengeführte Unternehmen zu ihrer Haltung gegenüber den privaten Finanzinvestoren befragt. Während noch 2011 nur neun Prozent der Unternehmen genau wussten, was sich hinter dem Begriff Private Equity verbirgt, waren es 2017 bereits 67 Prozent. Auch die generelle Einstellung hat sich geändert: So halten die befragten Entscheider die auf diesem Wege finanzierten Unternehmen inzwischen für überdurchschnittlich wettbewerbsfähig, schnell wachsend und besonders produktiv. „Mit einem Fokus auf Technologieführerschaft und Wachstum sowie einer gestiegenen Offenheit für neue Finanzierungsformen scheinen sich Mittelstand und Private Equity zunehmend anzunähern“, konstatiert Bernhard Schmid, geschäftsführender Gesellschafter der Global Value Management GmbH. „Gut möglich, dass dies der Beginn einer dauerhaft guten Freundschaft wird.“